Neulich mussten wir einen plötzlich aufgetretenen Fehler am ABS-Bremssystem eines Baubetreuungsfahrzeugs suchen.
Sobald das Auto anfuhr und die Fahrgeschwindigkeit größer als Schrittgeschwindigkeit war, leuchtete nach vernehmlichem Schnarren aus dem Motorraum, genauer aus dem Bereich der ABS-Einheit, die Fehlerlampe des ABS auf und brannte ständig.
Nach einem Neustart des Motors war der Fehler jederzeit reproduzierbar, Voraussetzung war jedoch immer, dass das Fahrzeug schneller als ca. 7 km/h fuhr.
Mit dem Diagnosetester wurde der Fehlerspeicher abgefragt.
Ein unplausibles Signal sämtlicher Radsensoren und des Stromversorgungsrelais sowie ein defektes Steuergerät erschienen auf dem Fehlerausdruck. Diese Konstellation war selbst unserem ABS-Spezialisten noch nicht untergekommen.
Nachdem eine vorangegangene Sicht- und Funktionsprüfung keine Mängel zum Vorschein brachte, ging es ans Eingemachte:
Mit Hilfe des Diagnosegeräts und dem Elektroprüfkoffer samt „Eieruhr“
(ein steckbarer variabler Widerstandssimulator) wurden die elektrische Prüfung inklusive Stellglieddiagnose sämtlicher Sensoren und Aktuatoren, des gesamten Kabelstranges sowie der Steuergerätefunktionen durchgeführt. Anschließend prüften wir die hydraulischen Komponenten der Anlage. Sämtliche Prüfwerte lagen innerhalb der in der technischen Literatur angegebenen Sollwerte. Sicherheitshalber wurde auch das gesamte Bremssystem nach Herstellervorschrift entlüftet und die Radlagerspiele und Raddrehzahlrotoren auf Beschädigung und Verschmutzung geprüft: Nichts! Wir waren mit unserem Latein am Ende.
Auch die mittlerweile eingeschalteten Spezialisten unserer Herstellerproduktbetreuung und des Systemherstellers konnten uns nicht weiterhelfen. Man einigte sich auf den Ersatz des kompletten Aggregatblocks, in dem auch die Steuereinheit untergebracht ist.
Nach dem Einbau wurde die Bremsanlage nochmals entlüftet, der Fehlerspeicher gelöscht und eine Probefahrt durchgeführt.
Wieder leuchtete die ABSFehlerlampe nach Überschreiten der magischen 7 km/h auf, die abgelegten Fehler waren uns bestens bekannt!
Nun war guter Rat teuer. Unser Serviceberater befragte den Firmenfahrer nochmals ganz ausführlich,wann und bei welcher Gelegenheit der Fehler erstmals aufgetreten war. Während seines Jahresurlaubs habe man in der firmeneigenen Werkstatt des Bauunternehmens einen Handyeinbau vorgenommen und die altmodische Betriebsfunkanlage entfernt.
Auf seiner ersten Dienstfahrt trat der Fehler dann erstmals auf.
Mit diesen Informationen ausgestattet, verfolgte unser Servicetechniker die Verkabelung des Telefoneinbaus und wurde auch fündig:
Die Dauerstromversorgung für das Handy wurde kurzerhand gut versteckt unter der linken Seitenverkleidung im Fußraum mit einer primitiven Einschneidklemme in den Versorgungsstromkreis der ABS-Einheit eingeschleift. Die definierte Spannungsversorgung für das Steuergerät war somit gestört und führte zu den unplausiblen Fehlereinträgen.

Fazit: schon beim ersten Kontakt mit dem Kunden ist es äußerst wichtig, die Fehlergeschichte möglichst detailliert zu erfassen und auch ungewöhnliche Varianten ins Kalkül zu ziehen.